Die Juden von Saaz

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Vernisage am 3. November 2010

Grußwort zur Ausstellung die Juden von Saaz im Saazer Museum

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich heiße sie herzlich willkommen bei der Ausstellung die „Juden von Saaz“. Erlauben Sie mir bitte einige kurze Erläuterungen über die Entstehung und Bestimmung dieser Ausstellung.

Ich bin hier in Saaz in den 50iger Jahren geboren und nach meiner Umsiedlung nach Deutschland im Jahre 1970, die nicht nur familiäre Gründe hatte, habe ich überwiegend gute Erinnerungen an meine Heimatstadt. Ich selbst betrachte mich als einen Patriot dieser schönen Stadt.

 Jeder Mensch, so auch ich, befasst sich in einem bestimmten Alter mit seiner Herkunft und seinen Wurzeln. Das Schicksal meiner Eltern, genauso wie das des überwiegenden Teiles der Bewohner dieser Stadt, war nicht einfach, sondern oft bewegt. Zwei Kriege und die anschließende kommunistische Diktatur hinterließen ihre Spuren.  Ein Teil davon bekommt man als junger Mensch mit, aber viele Gespräche mit den Eltern gab es darüber eigentlich nicht.  Die Gründe dafür sind von Familie zu Familie unterschiedlich.  Die Wurzeln meiner Mutter waren relativ einfach zu verfolgen. Ihre Verwandtschaft wurde aus dem von den Amerikanern besetzten Teil der Sudeten ziemlich undramatisch vertrieben.  Problematisch wurde es mit den Vorfahren meines Vaters. Außer einer Schwester und zwei Cousins war von seiner Familie keine Spur mehr zu finden. Und dies auch nur deswegen, weil sie Europa 1937 rechtzeitig verlassen hatten.  Mein Vater starb, als ich 17 war; so erfuhr ich nicht viel von ihm, was mir heute sehr leid tut. Meine Großmutter ist hier in Saaz auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. 

Aus persönlichen Gründen fing ich an nachzuforschen und vor mir eröffnete sich eine, zwar vergangene, aber doch neue Welt.  Ich betrachte es als meine Pflicht, diese Erkenntnisse mit Ihnen zu teilen.

Denn wie ein bedeutender deutscher Historiker Johannes Droysen sagte: „Nicht die Vergangenheiten sind die Geschichte, sondern das Wissen des menschlichen Geistes von ihnen. Und dies Wissen ist die einzige Form, in der die Vergangenheiten unvergangen sind, in der die Vergangenheiten als in sich zusammenhängend und bedeutsam, als Geschichte erscheinen.“ Die Geschichte muss daher ständig ergänzt werden und manchmal sogar umgeschrieben.  Am besten drückte dies Prof. PhDr. František Šmahel aus: „ Die Geschichte wird immer umgeschrieben, denn sonst würde sie für uns als Bürger ihren Sinn verlieren.  Es kann nämlich sein, ich will es nicht heraufbeschwören, das man in der Geschichte und ihrer Gestalten wieder Stärke suchen wird und dies ohne Rücksicht auf den Fortschritt der europäischen Integration.  Die Geschichte als Wissenschaft sollte sich aber nicht durch nationale und religiöse Rücksichtsnahmen  binden. Auch wenn sie mit ihren Erkenntnissen manchmal verletzt.

Aus diesem Grund habe ich mich zusammen mit unserem Verein und allen, die sich an dem Projekt „Die Juden von Saaz“ beteiligt haben, entschlossen, diese Ausstellung durchzuführen. Die Nachforschungen waren nicht einfach. Die meisten Juden aus dem Saazer Land leben entweder nicht mehr,  denn sie überlebten den Holocaust nicht, oder sind in der ganzen Welt verstreut.  Dasselbe gilt für die Urkunden und schriftliche Nachweise, die sich in unterschiedlichen Archiven befinden und noch nie gesichtet wurden.

Deswegen besuchten wir im Frühjahr dieses Jahres einzelne noch lebende Saazer Juden, die in Israel leben und drehten mit ihnen ihre Erinnerungen an Saaz. Ein Teil dieser Gespräche wird Ihnen am Ende der Ausstellung als Video vorgeführt.  Aus diesem umfangreichen Filmmaterial möchten wir einen Dokumentarfilm erstellen. Er soll auch die Teilnehmer der Luftbrücke Saaz – Tel Nof (Haifa) im Jahre 1948-48 zum Thema haben. Auch eine Ausstellung zu diesem Thema ist geplant.

Dank vieler hilfsbereiter Menschen, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde, ist es uns gelungen, genügend Material für diese Ausstellung zusammenzubringen. Ich versuchte, mich auf die Meilensteine der Geschichte der Juden in Saaz zu konzentrieren.  Über manche Schicksale bekam ich auch fotografisches und urkundliches Material. Dies alles sind nur Splitter, aber ich hoffe dennoch, dass dies Ihnen das Leben der Saazer Juden näher bringen kann.

Die Ausstellung ist aber nicht nur auf die Vergangenheit gerichtet. Ihre Aufgabe ist auch, dass sie eine Hilfe zur Verteidigung und zu einer Bewusstseinsbildung gegen den immer noch vorhandenen latenten Antisemitismus wird.  Dieser entsteht vor allen durch Unkenntnis, Vorurteile und durch die falsche Auslegung des sog. Auserwähltseins des jüdischen Volkes. Dies bedeuten aber in der jüdischen Religion an erster Stelle die Verantwortungsübernahme  für eigens  sein Leben und für seine Handlungen gegenüber den Mitmenschen und Gott.  

 

Der mentale Antisemitismus der Deutschen, so auch in Saaz, transformierte in eine fürchterliche Form. Erst wurden die Juden aus der Gesellschaft ausgeschlossen und entrechtet, dann wurden sie ihrer materiellen Existenz beraubt und dann physisch vernichtet.  Wir sollten uns immer das Bibelzitat vor den Augen halten: „Am Anfang war das Wort………

 

Der radikale deutsche Antisemitismus hat seine Wurzel in Wien, mit dem bekannten Ausspruch von Georg Ritter von Schenerer: „Religion ist einerlei, Rasse ist die Schweinerei“.  In den Sudeten wurde aber schon in den 20er Jahren eine radikale deutschnationale sozialistische Arbeiterpartei (DSNAP) gegründet. Und dies schon Monate bevor der erfolgslose Maler von schlechten Ansichtskarten seine NSDAP in München gründete.  Diese Partei verfolgte eine klare und strenge  antijüdische Richtung in ihrem Programm.

Der Antisemitismus war und ist kein Monopol der Deutschen. Er war auch in der ersten Tschechoslowakischen Republik verbreitet, auch wenn nur unter dem Tarnmantel der Vorwürfe, dass sich die Juden zu der deutschen Kultur melden und überwiegend die deutsche Sprache benutzen. Dies wurde ihnen am meisten vorgehalten.

Ich hoffe, dass diese Ausstellung ein weiterer Schritt auf unserem Saazer Weg sein wird, dass sie hilfreich sein wird für die Überwindung vieler Vorurteile gegenüber den Juden und einen Beitrag zu einer weiteren Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft in Saaz leisten wird.

Das nächste Ziel unseres Verein ist es, in naher Zukunft in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung des Regionalmuseums und aller Bürger dieser Stadt, auf einem weiteren Standort eine ständige Exposition über die deutsche und jüdische Geschichte der Stadt Saaz zu installieren. Wir hoffen, dass uns dies gelingen wird bis zum Jahre 2015, in der die Stadt ihr 750 jähriges Jubiläum der Erteilung der Stadtrechte durch König Otakar den II. begeht.

Zum Schluss möchte ich mich bei allen Institutionen, Organisationen und Menschen bedanken, die diese Ausstellung ermöglicht haben. Insbesondere bei dem Direktor des Museums in Saaz,  Herrn Kopica und seinem Team, bei allen Angestellten des Prager jüdischen Museums, die mich sehr unterstützten.  Bei Herrn Mgr. Peter Simacek, der leider heute nicht anwesend sein konnte, für seine Arbeit, Koordination und Betreuung des Projektes, bei der jüdischen Gemeinde Teplitz und bei dem Heimatkreis Saaz in Roth, der hier heute von Frau Uta Reiff vertreten ist.  Falls ich jemanden vergessen habe, so bitte ich dies zu entschuldigen.  

Morgen um  17.00  Uhr laden wir Sie herzlichst zu einer Benefizvorstellung der Kinderoper Brundibar ein. Diese wurde zu ersten Mal im Ghetto Theresienstadt uraufgeführt. Der Erlös der Veranstaltung wird für die Revitalisierung des jüdischen Friedhofs in Saaz verwendet, der ein bedeutsames historischen Mahnmal werden soll. 

Die Ausstellung ist auch im Internet auf den Seiten www.saaz-juden.de

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit

Saaz / Žatec  3. November 2010

Otokar Löbl

Vorsitzender des Fördervereins der Stadt Saaz/Žatec e. V.  und Kurator der Ausstellung


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